Abenteuer „Großgruppen moderieren“

Workshops sind immer eine Herausforderung: egal ob bei 5 oder 25 Teilnehmern. Wie wäre es aber mit 50, 200 oder sogar 500 Teilnehmern einen Workshop zu initiieren. Eine noch größere Herausforderung in der faßzinierenden Welt der Großgruppenmoderation.

Workshops zählen zu den Standardinstrumenten um Gruppenprozesse anzuleiten, Ideen oder Maßnahmen zu erarbeiten oder auch konsolidierte Beschlüsse zu fassen. Die Methodenliteratur ist breit gestreut und das Seminarangebot um Methoden und Instrumente zu erlernen ist breit. Die Königsdisziplin der Moderation sind aber wohl unbestritten Großgruppenveranstaltungen, in denen man 100er von Menschen in Organisationen zielgerichtet zusammenbringt und miteinander Dinge erarbeiten lässt. Ihre Tradition ist lang – der Mythos um Methoden wie Open Space, Real Time Strategic Change oder World Cafe auch. Hier ein kurzer Überblick über die Klassiker der Großgruppenformate.

Zukunftskonferenz

Die Zukunftskonferenz wurde von Marvin Weisbord in den frühen 80er Jahren entwickelt. Zukunftskonferenzen sind vergleichsweise stark durchstrukturierte Großgruppenformate, die üblicherweise drei Tage dauern und meist mit 72 Teilnehmern durchgeführt werden. Ziel von Zukunftskonferenzen ist es ein lebendiges Bild einer attraktiven, gemeinsamen Zukunft zu erarbeiten. Sie hat einen festen Ablauf: Rückblick in die Vergangenheit, Analyse externer Trends, Bewertung der gegenwärtigen Situation im Unternehmen, Entwicklung gemeinsamer Visionen, Herausarbeiten von Gemeinsamkeiten und Planung von konkreten Maßnahmen. Gearbeitet wird dabei meist in 8er-Tischen und abwechselnd auch im Plenum.

Open Space

Open Space wurde von Harrison Owen ebenso in den frühen 1980er Jahren entwickelt. Open-Space-Konferenzen dauern in der Regel ein bis drei Tage und sind geeignet für bis 1000 Teilnehmer. Sie sind inhaltlich und formal sehr offen und zählen zu den freiesten Großgruppenformaten. Die Agenda und die zu bearbeitenden Themen werden dabei von den Anwesenden in Eigenregie entwickelt. Die Arbeitsgruppen konsitutieren sich ebenso in Eigenregie und gestalten den weiteren Arbeitsprozess in Selbstverantwortung – einem der wesentlichen Grundprinzipien von Open Space. Open Space hat damit ein sehr hohes Kreativitätspotenzial und kann in kurzer Zeit eine unglaubliche Vielfalt von Ideen oder Maßnahmen produzieren. Open Space ist von vielen Grundsätzen geprägt. Berühmt ist das Gesetz der zwei Füße als Ausdruck der Freiheit und Selbstverantwortung: der Teilnehmer bleibt nur so lange in einer Gruppe, wie er es für sinnvoll erachtet; und der Begriff Hummeln und Schmetterlinge als Ausdruck für unterschiedliche Beteiligung: die einen vertiefen ein Thema eher und die anderen bilden eine Brücke durch häufige Gruppenwechsel.

RTSC – Real Time Strategic Change

Die RTSC-Konferenz wurde von Paul Tolchinsky und Kathleen Dannemiller entwickelt. Sie stellt ein Großgruppenformat dar das – im gegensatz zur Zukunftskonferenz und Open Space – vergleichsweise strukturiert vorgeht. RTSC-Konferenzen dauern ein bis drei Tage und sind geeignet für bis über 1000 Teilnehmer. Ziel ist, strategischen Wandel auf allen Ebenen und in allen Bereichen gleichzeitig in Gang zu bringen. Dabei sind die strategischen Ziele bereits vorgegeben – meist vom Management einer Organisation, das ebenso direkt als Teilnehmer in der Konferenz anwesend ist. RTSC-Konferenzen sind dabei fast immer in Organisationsentwicklungs- oder Strategieentwicklungs-Prozesse eingebunden. Die Konferenz ist stärker Top-down-organisiert als andere Großgruppenformate. Entscheidend ist die Eröffnung, bei der die Teilnehmer durch durch einen Input der Leitungsebene aufgerüttelt und motiviert werden (den „sense of urgency“ für die Veränderung erzeugen). Die Arbeit geschieht dann meist in 8er Gruppen, mit möglichst bunt gemischten Mitarbeitern, die als repräsentative Gruppen (Grundprinzip: „the whole system in the room“) der Organisation Bereichsgrenzen überwinden. Hier wird die Strategie geprüft und verbessert. RTSC-Konferenzen sind breit einsetzbar und markieren wohl das beliebteste Großgruppenformat.

Abenteuer Großgruppe

Na – Interesse geweckt? Großgruppenformate sind aus groß angelegten Veränderungsprozessen per se nicht mehr wegzudenken und stellen ein wesentliches Interventionsinstrument im Methodenkoffer von Beratern da. Sich als Organisation bzw. Management-Team darauf einzulassen erfordert dennoch Mut: Mut die Energie großer Gruppen in einem Raum gebündelt zu erleben; Mut, sich auf einen teilweise offenen Prozess einzulassen und der kollektiven Intelligenz von Gruppen zu vertrauen; Mut, die Kontrolle teilweise abzugeben und dafür mit reicher Kreativität beschenkt zu werden. Versuchen Sie es. Es wird sich lohnen!

Buchtipp

  • Ruth Seliger, Einführung in Großgruppenmethoden, ISBN 978-3-89670-618-8